Das Raunen der Natur

Meine morgendliche Fitnessrunde führt mich auf vertrauten Pfaden an Orte, die mit wunderbaren Erinnerungen verbunden sind:
_ in den alten botanischen Garten, wo ich während meines Ethnologiestudiums in den Neunzigerjahren begeistert so manches Proseminar über visuelle Anthropologie besuchte und mir in der Mediathek gefühlte tausend ethnologische Filme reinzog;
_ den Schanzengraben entlang bis zum Bärebrüggli, wo meine Freundin und ich uns als Twentysomething nach dem gemeinsamen Ausgang jeweils aus dem Velosattel Abschiedsworte zuriefen;
_ vorbei am Hochhaus zur Bastei, das mich zu meinen ersten Schreibversuchen ermutigte;
_ weiter zur Seepromenade rund ums Arboretum, deren Wiederinstandstellung ich und meine Buben, ihre Näsli platt ans Baugitter gedrückt, einen ganzen Winter lang beobachteten;
_ am Hafen Enge vorbei, auf dessen Mole mir mein Liebster vor vielen Jahren seinen Heiratsantrag unterbreitete;
_ zu den hexagonalen Pflanzenbeeten und Wassertrögen, die von der ersten Schweizerischen Gartenbauausstellung 1959 (G59) übrig geblieben sind und auf deren schmalen Rändern meine Buben winters, wenn das Wasser abgelassen ist, ihre Balancierkunst üben;
_ und je nach Zeit, Energie und Badibetrieb weiter bis zur Saffa-Insel.

Ich finde es zauberhaft, auf meiner Morgenrunde in Erinnerungen zu schwelgen und mich gleichzeitig über die Blüten zu erfreuen, die den Weg säumen.
Besonders angetan hat es mir der „Gessnergarten“ auf der höchsten Plattform im alten Botanischen Garten. Er wurde 1997 zu Ehren des Zürcher Mediziners und Naturforschers Conrad Gessner angebaut und 2016, anlässlich Gessners 500. Geburtstags, erneuert.
In vier Beeten – im Wurz- und Krautgarten sowie im Forschungs- und Ziergarten – sind die verschiedenen Pflanzen zu sehen, die Gessner damals anbaute und deren Eigenschaften er beschrieb. Und wer genau hinhört, versteht auch, was die Blumen und Früchte, Knollen und Wurzeln einander zuraunen.